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Frankfurter Neue Presse  - Januar 2010

Frankfurter Neue Presse

22.01.2010

"Ungarischer Biss für deutsche Zähne."

Von Wiebke Fey

Ungarischer Biss für deutsche Zähne

Weil sich die Folgen der Gesundheitsreform oft in saftigen Privatrechnungen niederschlagen, suchen viele Deutsche Hilfe im preisgünstigen Ausland: Der Zahntourismus blüht.

Budapest. Zahnersatz – das leidige Thema kommt irgendwann auf jeden zu. Doch die Zuschüsse der Krankenkassen sind begrenzt, hohe Eigenbeteiligungen stehen an, die für viele gar nicht, oder kaum erschwinglich sind. Immer mehr Betroffene erwägen daher eine Behandlung im Ausland und freunden sich mit dem Gedanken an, sie mit einem Kurzurlaub oder Städtetrip nach Polen, Tschechien oder Ungarn zu kombinieren. Rund 180 000 Zahnbehandlungen deutschsprachiger Kunden wurden zum Beispiel 2008 in Ungarn durchgeführt. Im Grenzbereich zum ungarischen Nachbarland Österreich, etwa in der Stadt Mosonmagyaróvár, ist diese neue Form des Tourismus mit Kosten einsparendem Nebeneffekt längst gang und gäbe. Viele Deutsche jedoch scheuen nach wie vor den Weg in ein fremdes Land zu den unbekannten Ärzten, fürchten mangelhafte Qualität oder haben Bedenken wegen eventuell auftretender Komplikationen und ungenügender Nachsorge. Dem will nun ein neuer Zusammenschluss ungarischer Ärzte, der im Internet unter der Adresse www.zahnklinik-ungarn.de firmiert, entgegenwirken, und weil der ungarische Staat 2011 zum Jahr des Medizin-Tourismus ernannt hat, fließen auch entsprechende finanzielle Mittel, um den deutschen Markt zu bewerben. So kam zum Beispiel kürzlich auch eine Einladung an deutsche Journalisten zustande, die jetzt einen Blick hinter die Kulissen der ungarischen Zahnarztpraxen werfen konnten.

Deutsche Partner

Hinter der Internetadresse verbirgt sich die bereits seit 2006 bestehende «FirstMed Services GmbH» als Anbieter von Gesundheitsreisen nach Ungarn mit einer Palette, die vom allgemeinen Gesundheitscheck zur Früherkennung von Risikofaktoren bis zur Schönheitschirurgie reicht. Die Gesellschaft vertritt zum Beispiel die Budapester VitalCenter Zahnkliniken und verfügt auch über ein eigenes Netzwerk von Partner-Zahnärzten in Deutschland. Unter der Internet-Adresse findet der Kunde auch den Ansprechpartner, der (in deutscher Sprache) den speziell für ihn ausgerichteten Komplett-Service und die Reiseorganisation erstellt. Er reicht von der Flug- und Hotelbuchung bis zu den einzelnen medizinischen Terminvereinbarungen. Angeboten wird die Behandlung des gesamten zahnärztlichen Spektrums von Krone, Prothese bis zum Bleaching, wobei der Schwerpunkt auf dem Setzen von Implantaten liegt. Mit einem Kennenlern-Paket (Komplettpreis 139 Euro ohne Flug), der eine Übernachtung, Transfers zwischen Flughafen, Hotel und Klinik, zahnärztliche Voruntersuchung samt Röntgenaufnahme, Erstellung eines Heil- und Kostenplanes und eine zahnhygienische Behandlung enthält, wirbt die Gesellschaft außerdem für ihre Preis-Leistungs-Alternative zum deutschen System.

Die Zahnbehandlung bequem in einen Golfurlaub, ein Wellness-Wochenende oder eine Städtereise nach Budapest einzupassen, das Loch im Zahn zwischen zwei Löchern auf dem Green füllen lassen, den Liegestuhl kurz mit dem Zahnarztstuhl vertauschen oder sich zwischen Burgpalast und Matthiaskirche eine Krone setzen lassen und dabei noch bis zu 70 Prozent sparen – das klingt verheißungsvoller als die meist erwartete Angstpartie im heimischen Behandlungsstuhl. Zumal die Krankenkasse seit 2004 einen auf den Befund bezogenen Festzuschuss leistet, das heißt sie steuert eine Summe bei, die sich pauschal anhand der deutschen Behandlung bemisst, egal auf welchem Zahnarztstuhl man innerhalb der EU sitzt. Da die Kasse nämlich laut Gesetz auch für die Leistungen im EU-Ausland zuschusspflichtig ist, kann die entsprechende Summe in vollem Umfang auf die günstigere Behandlung in Ungarn angewendet werden. Dadurch senkt sich wiederum der Eigenanteil beträchtlich. Verschiedene Faktoren sorgen für die niedrigeren Preise in Ungarn, dazu gehören nicht nur die Personalkosten, sondern etwa auch die Lage auf dem Immobilienmarkt. Da die Instrumente und Laborapparate überwiegend aus Deutschland stammen, würden dafür allerdings die hier gängigen Preise gelten, erklärten die Verantwortlichen. Weil für den Patienten Kosten für Reise und Unterbringung anfallen, lohnt sich die Fahrt ins Ausland meist erst ab einer Behandlungssumme von rund 1000 Euro. Lässt der Patient zum Beispiel eine (hierzulande besonders teure) Implantation durchführen, so muss er mit zwei Aufenthalten in Ungarn innerhalb eines Zeitraums von drei Monaten rechnen. Bei einem ersten Aufenthalt von drei Tagen wird der chirurgische Eingriff vorgenommen und das Implantat eingesetzt.

Nach drei Monaten ist ein zweiter Aufenthalt von fünf Tagen nötig, um zunächst eine Heilungsschraube einzusetzen und zum Abschluss das Implantat zu überkronen (die Implantate selbst werden übrigens in Pforzheim hergestellt; die Garantie beträgt fünf Jahre). Die medizinische Behandlung von Touristen hat in Ungarn eine Tradition, die sich auch durch die alten Heilbäder entwickelt hat. Die Medizinische Universität war außerdem vor 50 Jahren die erste in Europa, an der die Zahnheilkunde als Fachgebiet unterrichtet wurde.

zum Artikel "Ungarischer Biss für Deutsche Zähne" >>

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